Das Kriegsgefangenen Lager in Haselbach


Der Soldatenfriedhof des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers in Braunau – Haselbach ist ein besonderer Ort, den viele nicht kennen. Er ist ein kleiner Rest des einst riesigen Lagers das Platz für 20 – 24 000 Mann hatte. Hier liegen katholische, protestantische und orthodoxe Christen, Juden und Moslems friedlich nebeneinander begraben.

Auszug aus einem Vortrag von Mag. F. Kotanko anlässlich eines Dorfabends in Haselbach

Das Kriegsgefangenenlager

Kurz nach Beginn des 1. Weltkrieges standen die Verantwortlichen in den kriegführenden Ländern vor dem Problem, wie mit der unerwartet großen Zahl der Kriegsgefangenen umzugehen sei:

Anfänglich wurde versucht, sie in militärischen Unterkünften unterzubringen, bald jedoch entschloss man sich, große Lager zu errichten. In der k.u.k. Monarchie fiel diese Aufgabe einerseits in den Bereich der militärischen Territorialbehörden (in unserem Bereich das k.u.k. Militärkommando Innsbruck), andererseits waren natürlich zivile Institutionen involviert.

Oberösterreich, das damalige Erzherzogtum ob der Enns, war eines der Gebiete, die in wahrstem Sinn des Wortes weit weg vom Schuss waren. Das war ein Grund, dass hier mehrere Kriegsgefangenenlager angelegt wurden: Mauthausen, das für 25.000 Mann bestimmt war, Marchtrenk auf der Welser Heide, ebenfalls für 25.000 Mann, Freistadt für bis zu 20.000, dazu weitere Großlager in Aschach, Wegscheid, Schärding und Katzenau. Auch zahlreiche Flüchtlinge aus den Kampfgebieten mussten in Oberösterreich untergebracht werden: die ersten kamen schon 1914 aus Galizien, es folgten 1915 zahlreiche Personen aus dem Trentino, die jahrelang z. B. auch im k.k. Flüchtlingslager Braunau leben mussten.

Seuchen, insbesondere Ruhr, Typhus, Fleckfieber und die Spanische Grippe wüteten in den Lagern.  Etwa 30.000 fremde Kriegsgräber erinnern in Oberösterreich an diese Massenlager: die Kriegerfriedhöfe in Mauthausen mit etwa 11.000 Gräbern, in Aschach mit 6000, Marchtrenk 1800, Wegscheid 5000, Braunau 1400, 388 in Freistadt etc. Die 22.500 gefallenen Oberösterreicher ihrerseits ruhen weit verstreut, von der Ukraine bis zum Isonzo.

Kriegsgefangenen Lager Plan Google

Bei Braunau wurden schon im Dezember 1914 die Grundstücke entlang der Mattig zwischen Dietfurt und Aching kommissioniert, um hier allenfalls ein Kriegsgefangenenlager für 50.000 bis 60.000 Gefangene zu errichten. Wesentliche Faktoren für die Auswahl des Standortes waren einerseits die verkehrsmäßig günstige Erschließung des Gebietes durch  zwei Eisenbahnlinien, die bald durch ein Schleppgleis ins Lagergelände ergänzt wurden, und eine gewisse militärische Infrastruktur in der nahen Garnisonsstadt Braunau, andererseits aber die Lage in offenem und daher leicht zu überwachendem Gelände, das die Flucht erschwerte. Dazu kam, dass ein fließendes Gewässer zur Energiegewinnung ebenso genutzt werden konnte wie zur Abwasserentsorgung. Die Versorgung der Kriegsgefangenen mit Lebensmitteln sollte aus dem Umland erfolgen – das Lager wurde so allmählich zu einem wesentlichen Wirtschaftsfaktor, der nicht nur in die unmittelbare Umgebung ausstrahlte, sondern Zulieferungen aus dem ganzen Innviertel bedingte.SONY DSC

Die ersten 308 russischen Kriegsgefangenen, die zusammen mit örtlichen Handwerksbetrieben das Lager errichteten, waren noch in der Städtischen Notkaserne in Braunau (heute Gebäude an der Kreuzung Ringstraße – Jahnstraße) untergebracht. Die ersten Baracken waren im Jänner 1915 fertig, und trotz Protestes der Stadtvertretung von Braunau, die die Belegung von wertvollem Baugrund, die schwierige Versorgung des Lagers und die Seuchengefahr ins Treffen führte, wurde das Lager weiter ausgebaut. Es erstreckte sich auf die Gemeinde- und Pfarrgebiete von St. Peter und Ranshofen, war von Nord nach Süd zu beiden Seiten der Mattig ausgerichtet und baulich streng geordnet. In Archivunterlagen findet sich einmal die lapidare Feststellung: “Braunau/Inn Belag 530 Offiziere, 34300 Mann, 651 Objekte, Baukosten 9.600.000 Kronen”.

Von diesen Objekten waren etwa 60 für Lagerkommando, Administration, Wachmannschaften und Versorgungseinrichtungen bestimmt. Vor dem Lager befanden sich eine großzügig angelegte Parkanlage und mehrere Sportplätze.

Den Wachdienst versah ab 1916 das  k. k. Landsturm-Wachbataillon Nr. 15, dessen Normalstand 1 Stabsoffizier als Kommandant, 10 Subalternoffiziere, einen Truppenrechnungsführer und 891 Mann umfasste; es enthielt auch die Kriegsgefangenen-Begleitkompanie Nr. 15 mit einem vorgeschriebener Normalstand 123 Mann.

Die Aufgabe der Bewacher war schwer, denn die Zahl der Gefangenen betrug im Oktober 1915 schon etwa 20.000 Mann, die Höchstzahl wurde im August 1917 mit etwa 24.000 Mann erreicht. Anfangs waren die Gefangenen weit überwiegend Angehörige der russischen Armee aus allen Gebieten des Zarenreiches, seit Mai 1915 wurden vor allem italienische Soldaten ins Lager gebracht.

Den russischen und italienischen Offizieren, die auch als Kriegsgefangene einen Sonderstatus einnahmen, standen 14 Baracken südlich der Bundesstraße nach St. Peter, östlich und westlich der Bahn, die nach Steindorf führt, zur Verfügung. Für die Unteroffiziere und Mannschaften gab es 176 Unterkunftsbaracken für jeweils mindestens 80 Mann.

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Es waren noch viele andere Baulichkeiten vorhanden: Baracken für Waschanlagen, Küchen, Speisesäle, für Kanzleien, Requisiten und auch Bereitschaften, weiters für Werkstätten und Wäschereien. Zur Bewältigung des umfangreichen Postverkehrs – auch die Gefangenen hatten das Recht, per Feldpostkarten mit ihrer Heimat Kontakt zu halten und Post zu empfangen – wurde ein eigenes Postamt eingerichtet. Verstöße gegen die strikte Lagerordnung wurden in einer der 4 Arrestbaracken geahndet. Allmählich entstanden auch eine Kapelle, eine eigene Mühle (die “Dietfurter Mühle”), eine Trafik und ein Verkaufslokal für Marketendereiwaren. Eine eigene Badeanstalt am Mattigufer – etwa gegenüber der Ortschaft Aselkam – sollte Sauberkeit und Gesundheit fördern. Es gab aber auch eine Krankenabteilung mit 18 Mannschaftsbaracken sowie eine Isolierabteilung mit 10 Mannschaftsbaracken, 1 Desinfektionsbaracke und 2 Leichenhallen.

Der Energieversorgung des gesamten Lagerkomplexes diente ein neu errichtetes Elektrizitätswerk mit 2 Wasserturbinen und einem Dampflokomobil. 39 Wasserentnahmestellen lieferten Trinkwasser, für die Kanalisation wurden 18 km Rohre verlegt. Eine Fäkalienverbrennungsanlage sollte mithelfen, der Seuchengefahr zu begegnen.

Russische Kriegsgefangene bei der Arbeit

Russische Kriegsgefangene bei der Arbeit

Der Alltag der Kriegsgefangenen war wesentlich von Arbeit im und für das Lager geprägt: in den Werkstätten des Lagers ebenso wie bei der Instandhaltung und beim Ausbau des Lagers, schließlich auch außerhalb des Lagergeländes in landwirtschaftlichen und gewerblichen Betrieben gleichsam als “Leiharbeiter”.  Die Entlohnung erfolgte durch ein eigenes Lagergeld, mit dem in der Trafik und der Marketenderei eingekauft werden konnte.

Mehrfach besuchten Kommissionen aus neutralen Staaten wie Schweden und Dänemark, anfänglich auch aus den USA, Kriegsgefangenenlager1das Lager und berichteten über die Zustände, wobei stets das Bemühen der Verantwortlichen um möglichst erträgliche Lebensumstände trotz aller Schwierigkeiten, die mit der Dauer des Krieges immer gravierender wurden, hervorgehoben wird.

Der Friede von Brest-Litowsk vom März 1918 sah zwischenstaatliche Verträge zur geordneten Repatriierung der gefangenen russischen Soldaten vor, sodass eine allmähliche Verschiebung der Belegung hin zu italienischen Gefangenen eintrat, zumal auch aus anderen Lagern Gefangene in das Lager Braunau überstellt wurden. Das Kriegsende brachte auch für sie die Freiheit, die Heimkehr. Die Neue Warte vom 16. November 1918 berichtet dazu: “Aus dem hiesigen Kriegsgefangenenlager wurden am Samstag den 9. d. M. beiläufig 2500 italienische Kriegsgefangene in ihre Heimat Gefangenenlager Lagergeldabgeschoben. Der Abtransport erfolgte in aller Ruhe.  Die aus Gefangenen gebildete Musikkapelle spielte Abschiedsweisen. Die Wachmannschaft hatte größten teils ihre Posten verlassen und so steht das einstmal so stolze Lager verödet und verlassen da. Gestohlen wird rings an allen Enden. Mit Wägen werden sogar die Sachen weggeschleppt.” Die Plünderung dauerte einige Zeit an, wie aus mehreren Zeitungsberichten hervorgeht. Nach und nach wurde aber das gesamte Barackenlager abgebaut und versteigert, sodass heute kaum mehr Spuren erhalten sind.